Letztes Schuljahr hatten wir einen Fall, den wir immer wieder besprochen haben. Den der kleinen Rosia*.
Die Erzieherinnen des Kindergarten bemühten sich sehr, immer wieder fanden Elterngespräche statt, doch es wollte sich kein Erfolg einstellen. Das Kind wurde zu Hause kaum bis gar nicht gefördert und besonders in den Ferien gab es große Rückschritte. Es wurde davon gesprochen, dass Rosia vernachlässigt wird und man sich auf die Eltern nicht verlassen kann. 
Dann kam die Quarantäne und in Peru änderte sich alles. Vieles kam zum Erliegen, viele Menschen waren ohne Arbeit und mussten Zuhause bleiben. 
Als sich die ersten Möglichkeiten der Therapie auftaten, rief ich die Mama von Rosia an und fragte, ob sie bereit wäre ihr Kind zur Therapie zu bringen. Sie sagte sofort zu und brachte ihre 6jährige Tochter zu mir ins Krankenhaus. 
Freudenstahlen in ihren Augen begrüßten mich, mit einer – nicht „Covidvorschriften-verträglichen“ – dicken Umarmung. Mein Herz ging auf, ich mag das kleine tapfere Mädchen. Anders als in der Schule, habe ich im Krankenhaus die Eltern oft in der Therapie dabei. Und so kamen wir immer tiefer ins Gespräch. Ich interessierte mich für die Lebensumstände und erkannte bald, dass die Familie kaum das Nötigste zum Überleben hat. Durch die Pandemie hatten weder der Vater noch die Mutter eine Arbeit. Schnell wurde mir klar, dass sie Hilfe benötigen. So nahm ich sie in meine „Lebensmittel-Liste“ mit auf. Ich stellte fest, dass das Mädchen gute Entwicklungsfortschritte gemacht hatte. Die Erklärung war einfach, durch die strenge Quarantäne waren die Eltern Zuhause und hatten Zeit ihr Kind zu fördern. Eine kleine gute Seite von dieser Quarantäne. Zur Verabschiedung sagte Rosia; „Me vas a visitar, Doctorita?“ (Wirst du mich besuchen kommen, „kleine Doktorin“?)
Diese Einladung berührte mich und da ich mir von den Lebensumständen selbst ein Bild machen wollte, nahm ich sie gerne an. 

Hier wohnt Rosia.

Es stellte sich heraus, dass die Familie etwas abgelegen lebt. Sie passen auf ein Haus auf, deren Besitzer in Lima wohnen. Die Verhältnisse waren wirklich sehr arm. Übermäßig freuten sie sich über das mitgebrachte Essenspaket. Die Familie hat im Hof einen Wasseranschluss, so dass sie dort Wäsche waschen können und Geschirr spülen. Es steht ihnen eine kleine Küche zur Verfügung und ein Schlafzimmer. Nach Nachfrage stellte sich heraus, dass die meisten Einrichtungsgegenstände nur geliehen sind. Um Gas zu sparen, kochen die meistens draußen auf offenem Feuer. Aufgrund der Not haben sie den Großteil ihres Tierbestandes gegessen (Meerschweinchen und Enten). Bei den darauffolgenden Besuchen brachten wir außer den Lebensmitteln ein paar Meerschweinchen, Enten und warme Bettdecken mit. Die Freude war natürlich groß. Bei den Besuchen zu Hause half ich immer wieder mit den Hausaufgaben, da ich feststellte, dass die Eltern damit wirklich Probleme hatten. 

Rosia freut sich über die warme Decke.
Küche
Im Schweinestall der Nachbarn

Durch die vielen Besuche wuchs das Vertrauen und nach und nach erfuhr ich immer mehr aus der Hintergrund-Geschichte der Mutter Lucero*: 
Ihre eigene Mutter war 14 Jahre als sie Zwillinge gebar. Da sie kein Geld hatte, bat sie eine Frau aus dem Dorf ob sie ihr Babyflaschen geben könne, als Bezahlung ließ sie ein Baby zurück: Lucero. Die Mutter der 14Jährigen wunderte sich, wo das zweite Baby geblieben war und „kaufte“ ihr Enkelkind zurück. So wuchs das Kind getrennt von ihrer Mutter und ihrer Zwillingsschwester bei ihrer Oma auf. Die Oma hatte selbst nicht viel Geld und lebte von den was sie am Feld anbaute. Sie musste hart auf dem Feld arbeiten und hatte so keine Zeit sich um die Betreuung der Hausaufgaben zu kümmern, damit musste das Mädchen alleine zurecht kommen.

Die Oma nahm das Baby zu sich.

Da es im Dorf der Oma keine Schule gab, musste Lucero nach Curahuasi. Dort lebte ihre leibliche Mutter, diese war inzwischen jedoch alkoholkrank und kümmerte sich auch jetzt nicht um das Mädchen. Sie lebte in irgendwelchen Ecken, wie sie es selbst beschreibt und hatte oft nicht Mal ein Dach über dem Kopf. Mit ca. 13 Jahren kam Lucero für einige Jahre in ein Waisenhaus und konnte daher weiter zur Schule gehen. Es war ein katholisch geleiteten Haus. Dort lernte Lucero den Glauben kennen, schöpfte Hoffnung und fand Trost bei Gott. Mit 17 Jahren gebar sie Rosia. Ihre Ausbildung brach sie aufgrund der Schwangerschaft ab, sie musste jetzt selbst Geld verdienen. Auch der Vater von Rosia ist sehr jung und hat keine Ausbildung. Eine neue schwere Phase in ihrem Leben begann. Schon vor der Corona-Pandemie musste die Familie ums tägliche Überleben kämpfen. Ihr Vertrauen in Gott geriet ins wanken. 
In ihrem Innenhof, zwischen Wäscheberge sitzend, erzählte sie mir, dass sie einiges falsch gemacht habe, wie sie manchmal überfordert war und sie Selbstzweifel plagten. Sie erzählte von Problemen in ihrer Patenschaft und von einer großen inneren Leere. Aber sie erzählte auch, dass sie Gott wieder gefunden hatte, Gott der ihre innere Leere füllt und ihr Kraft und Halt gibt. Sie hat Kontakt zu evangelischen Christen, die sie im Glauben an einen Liebenden Gott unterstützen. Sie erzählte mir, wie sie es als Antwort Gottes erlebt hat, als ich mit den ersten Lebensmittelpaketen erschienen bin. Sie habe jetzt neue Kraft und Hoffnung und bemüht sich um einen besseren Umgang mit ihrer Tochter. Wir hatten ein tiefes Gespräch über das Muttersein, der menschlichen Grenzen, den Glauben und der wunderbaren Möglichkeit der Vergebung und des Neuanfangs.

In ihrem Hof sitzend, sprechen wir über Gott, der es vermag die Leere in uns zu füllen. Im Vordergrund Wäsche, leider gibt es nur zeitweise Wasser.

Ich sehe die Familie jetzt mit ganz anderen Augen. Die Mutter hatte einen schweren Start. Jetzt gibt sie alles um irgendwie das Nötigste zum Überleben ihrer Tochter beizutragen, sie wollte ihr Kind nicht weggeben, und hat daher den Weg gewählt, den ganzen Tag für den Lebensunterhalt zu arbeiten.
Unser liebender Gott stehe dieser Familie bei, er behüte sie und begleite sie! Ich bin dankbar sie zu kennen und sie ein winziges Stückchen begleiten zu können.

Die Nachbarkinder kommen natürlich auch, wenn sie uns sehen, wir haben auch für sie Mandarinen dabei. Die Einrichtung gehört der Hausbesitzerin.
Das Nachbarfeld wird gepflügt.

* Namen geändert